Blutige Fährten - Ohio 1758

Blutige Fährten - Ohio 1758

Blut und Ehre am wilden Ohio: Ein fesselndes Epos über Freiheit, Krieg und das Überleben an der Grenze.

by Joerg Probst

12 chaptersde

Nordamerika, 1758. Der Kontinent steht in Flammen, während sich die Kolonialmächte im Siebenjährigen Krieg zerfleischen. Mitten in dieser gnadenlosen Wildnis erhalten die Ranger Samuel Holt und Acton McBride von George Washington einen lebensgefährlichen Auftrag: Sie sollen einen Siedlertreck tief in das umkämpfte Ohio-Tal führen. Was als beschwerlicher Marsch durch vereiste Pässe und unwegsame Flüsse beginnt, wird schnell zu einem verzweifelten Kampf ums nackte Überleben. Zwischen den Fronten französischer Truppen und feindseliger Stämme müssen die Männer nicht nur den Elementen trotzen, sondern auch Verrat und Arroganz in den eigenen Reihen überwinden. Doch in der Dunkelheit der Wälder findet Holt eine unerwartete Verbindung zum Volk der Shawnee. Als der rachsüchtige Krieger Black Otter eine Spur aus Blut und Asche durch das Tal zieht, muss Holt sich entscheiden, wofür er wirklich kämpft. Zwischen der Liebe zur Schamanentochter Moon Eye und der Pflicht gegenüber seinen Kameraden entbrennt ein epischer Konflikt, der das Schicksal der Grenze für immer besiegeln wird. Ein bildgewaltiger Roman über Mut, Opferbereitschaft und den Traum von einem Leben in Freiheit.

  • Historical Fiction
  • Adventure
  • Western
  • Historischer Abenteuerroman
  • Wilderness
  • Survival

Prolog

Der Jahreswechsel von 1757 zu 1758 bezeichnete eine der finstersten und zugleich schicksalsträchtigsten Stunden, welches das britische Imperium in den nordamerikanischen Landen jemals erlebt hatte. Es war ein Winter von bleierner Schwermut, in welchem der Triumph der französischen Lilie über den britannischen Löwen beinahe als besiegelt gelten mochte. In den zugigen Baracken des Forts Loudoun, gelegen im westlichen Virginia, wie auch in den fahlen, belebten Gassen der Stadt Williamsburg herrschte eine Stimmung von gedrückter Niedergeschlagenheit, welche selbst die Standhaftesten ergriff. Der Krieg war für die Briten bisher, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eine Kette der schmählichsten Demütigungen gewesen. Die schrecklichsten Wunden jedoch hatte der Fall des Forts Oswego im Jahre Sechsundfünfzig geschlagen, sowie die Kapitulation des Forts William Henry im August des Jahres Siebenundfünfzig. Nach einer ehrenvollen Übergabe an den französischen General, den Marquis de Montcalm, kam es zu grausamen Metzeleien durch dessen indianische Bundesgenossen – ein Ereignis, welches die britannischen Truppen auf das Empfindlichste an ihrem Mut lähmte und den Siedlern an der Grenze, von Pennsylvanien bis hinab nach Virginia, das Blut in den Adern stocken und gefrieren ließ, wenngleich die tatsächlichen Verluste weitaus geringer waren, als es kurz darauf in allen Gazetten in Nordamerika und in Europa berichtet wurde.

Die Grenze loderte in lichten Flammen. Allenthalben zogen Siedlerfamilien, ihre wenigen Habseligkeiten auf Handkarren gehäuft, gen Osten, welcher ihnen als sicherer Zufluchtsort erschien, derweil hinter ihnen die Flammen ihrer Gehöfte den Horizont in schwärzeste Nacht hüllten. In den Augen vieler war das Land jenseits des Appalachen Gebirges bereits jetzt unwiederbringlich verloren.

Während die Briten im Chaos versanken, festigten die Franzosen ihren eisernen Griff in Richtung Ohio Tal. Von Fort Duquesne am Zusammenflusse des Ohio bis hinauf nach Fort Machault, wo der French Creek sich mit dem Allegheny verband, über das am Venango Pfad gelegene Fort Le Boeuf bis zum Fort Presque Isle am Eriesee, beherrschten sie die Lebensadern des Kontinents. Es ermöglichte ihnen, unbehindert von Montreal oder Quebec bis nach Louisiana am Golf von Mexiko zu reisen und Handelsgüter zu transportieren. Sie hielten den Schlüssel zum Westen fest in der Hand und vermochten sich auf ein weitreichendes Netz abgelegener Handelsposten und indianischer Allianzen zu stützen, welche durch britannische Arroganz, verfehlte Siedlungspolitik und militärische Misserfolge immer tiefer in die Arme der Franzosen getrieben worden waren.

Dieser Konflikt war nicht der erste seiner Art. Er war der vierte und entscheidende Akt eines Dramas, welches schon seit fast einem Jahrhundert andauerte und immer wieder von Neuem ausbrach. Sechzehnhundertneunundachtzig begann der erste Konflikt zwischen den beiden damaligen Großmächten. In diesem Jahre legte sich der bevorstehende Krieg wie ein eisiges Leichentuch über die zerbrechlichen Ansiedlungen Neuenglands und Canadas. Es war jene Zeit, in welcher der ferne Groll europäischer Monarchen – des Sonnenkönigs Ludwig des Vierzehnten und des frisch gekrönten William von Oranien – den Ozean überquerte und sich in der unendlichen Finsternis der amerikanischen Urwälder in ein blutiges Crescendo verwandelte. Man nannte es den Krieg des King William, doch für jene, die im Schatten der Kiefern ihr Dasein fristeten, war es schlicht das Ende aller Unschuld. Es war ein Krieg, der nicht auf gepflegten Schlachtfeldern ausgefochten, sondern in den verschneiten Wäldern, den entlegenen Farmen und an den nebligen Ufern der Flüsse wie dem St. Lorenz ausgetragen wurde. Die Linien der Front waren unsichtbar, sie verliefen mitten durch die Herzen der Familien, welche ihre Blockhütten in das Schweigen der Wildnis gesetzt hatten. Die Franzosen aus dem Norden, an Zahl unterlegen, jedoch meisterhaft in der Kunst der Waldläufertaktik bewandert, verbündeten sich mit den Abenaki, um den Hochmuth der englischen Siedler, welche meist ohne Zustimmung der ansässigen Stämme auf Indianerland siedelten, zu brechen.

Die Chroniken jener Jahre sind mit Blut und Tränen geschrieben. Es waren die Überfälle im Morgengrauen, welche das Mark der Kolonisten erschütterten. In Ortschaften wie Schenectady oder Salmon Falls kam der Tod nicht mit Pauken und Trompeten, sondern auf Schneeschuhen herangeschlichen. Lautlos glitten die französisch-indianischen Kriegstrupps aus dem Dickicht hervor, während die Siedler noch in ihren Betten träumten. Das Krachen der brennenden Balken und die gellenden Kriegsschreie waren oftmals das Einzige, was die Stille der Winternächte zu unterbrechen vermochte. Die Engländer antworteten mit gleicher Münze, doch ihre massiven Expeditionen zur See, wie der klägliche Versuch des Sir William Phips, die stolzen Mauern von Québec im Jahre Sechzehnhundertneunzig einzunehmen, scheiterten an der unbarmherzigen Natur und der schieren Weite des Landes. Das Denken der Engländer war schwerfällig, ihre roten Röcke leuchteten wie Fackeln im tiefen Grün des Waldes, während der Feind wie ein Geist kam und ging.

Nahezu ein Jahrzehnt lang fraß das Feuer die Grenze auf. Der Boden von Maine bis New York wurde mit dem Blute von Bauern, Indianer und Pelzhändlern getränkt. Als im fernen Europa schließlich der Friede von Rijswijk im Jahre Sechzehnhundertsiebenundneunzig unterzeichnet ward, geschah dies mit einer Federführung, welche die Qualen der Neuen Welt geflissentlich ignorierte. Die Grenzen verblieben, wo sie waren. Nichts war gewonnen, doch alles war verändert. Die Siedler kehrten zu ihren verkohlten Grundmauern zurück, den Blick immer wieder über die Schulter zum dunklen Waldrand gerichtet. Der Krieg des Königs William hatte sie gelehrt, dass der Wald Augen hatte – und dass der Friede in Amerika nur ein kurzer Atemzug zwischen zwei Schreien war. Es war der erste bittere Akt in einem Drama, welches erst siebzig Jahre später vor Québec sein endgültiges Ende finden sollte.

Wenig später folgte der Krieg der Queen Anne, eine Epoche des Schreckens, in welcher die Wälder des Nordostens zu einem Orte wurden, an dem die Grenzen zwischen Zivilisation und Barbarei im Blute der Grenzbewohner ertranken. Während in Europa die Generäle in gepuderten Perücken über Karten von Spanien und den Niederlanden brüteten, ward der Konflikt in der Neuen Welt mit dem Tomahawk und der Brandfackel ausgetragen.

Es war eine Zeit, in welcher sich die Stille des Winters in Neuengland als trügerisch erwies. Der Krieg, welcher offiziell im Jahre Siebzehnhundertzwei ausbrach, war die Fortsetzung eines uralten Grolles. Die Franzosen in Neufrankreich, unterstützet von ihren unerbittlichen Verbündeten aus dem Stamme der Abenaki, erblickten in den wachsenden englischen Ansiedlungen eine Seuche, welche es auszurotten galt. Für die Siedler in Massachusetts, Vermont und New Hampshire bedeutete dieser Krieg, dass sie ihre Äcker mit der Muskete in Reichweite pflügten und ihre Kinder lehrten, beim leisesten Knacken eines Zweiges im Unterholze das Atmen einzustellen.

Der Name, welcher sich wie ein Brandmal in das Gedächtnis jener Generation eingrub, war Deerfield. In einer eisigen Februarnacht des Jahres Siebzehnhundertvier glitten Hunderte von Franzosen mit ihren indianischen Verbündeten auf Schneeschuhen über die schlafenden Palisaden des Außenpostens hinweg. Das Gemetzel, das darauffolgte, war von einer Grausamkeit, welche die Chronisten der Zeit verzweifeln ließ. Häuser wurden zu Scheiterhaufen, Väter vor den Augen ihrer Familien erschlagen, und die Überlebenden – Männer, Weiber und Säuglinge – auf einen viele hundert Meilen langen Todesmarsch durch den knietiefen Schnee gen Canada getrieben. Viele, die zu schwach waren, fanden ihr Ende am Wegesrande unter dem Tomahawk.

Doch der Krieg war nicht nur ein Schattenkrieg in den Wäldern. An den Küsten tobte ein verzweifelter Kampf um die Herrschaft der See. Englische Freibeuter und königliche Schiffe lieferten sich erbitterte Duelle mit den französischen Kaperfahrern aus Port Royal. Akadien, jenes neblige Land aus schroffen Klippen und tiefen Wäldern, ward zum Schauplatze endloser Belagerungen.

Erst im Jahre Siebzehnhundertzehn gelang es den Briten in einem gewaltigen Kraftakte, Port Royal endgültig zu Fall zu bringen. Sie tauften die Stadt in Annapolis Royal um, zu Ehren ihrer Queen, und rissen damit einen entscheidenden Pfeiler aus dem französischen Verteidigungswall. Es war ein Sieg aus Stein und Eisen, doch er vermochte die Narben in den Seelen der Siedler nicht zu heilen.

Als der Krieg im Jahre Siebzehnhundertdreizehn mit dem Frieden von Utrecht endete, wurden die Grenzen auf dem Pergamente neu gezogen. Großbritannien erhielt Akadien, welches fortan Neuschottland genannt wurde, nebst Neufundland und dem Gebiete der Hudson-Bay. Für die Diplomaten in den prunkvollen Sälen zu Utrecht war es ein erfolgreicher Schachzug.

Doch für die Menschen im Grenzlande blieb der Friede ein brüchiges Versprechen. Die Franzosen begannen alsobald mit dem Bau der gewaltigen Festung Louisbourg auf der Kap-Breton-Insel, um die Zufahrt zum Sankt-Lorenz-Strom militärisch abzuriegeln und ihre Machtposition an den Küsten neu zu zementieren. Während an den Seewegen gigantische Bastionen emporwuchsen, schwielten in den dichten Wäldern des Hinterlandes die alten Konflikte ungebrochen weiter. Die Wunden zwischen den englischen Siedlern und den indianischen Völkern, insbesondere in den Kolonien Neuenglands, waren zu tief, um jemals gänzlich zu vernarben. Der Krieg der Queen Anne hinterließ ein Erbe aus Misstrauen und verbrannter Erde – ein Erbe, welches den Grundstein für die kommenden großen Konflikte legte.

Der Krieg des King Georg war ein Konflikt, der allein Aufgrund des erpressten Friedens aus dem Queen Anne War, sich wie ein schleichendes Gift durch die Adern der nördlichen Kolonien zog. Es war eine Zeit, in welcher die Grenzen zwischen Zivilisation und Wildnis wieder einmal im Blute und im Pulverdampfe verschwammen, und in welcher die Männer im Osten lernten, dass Friede in Europa in den Wäldern Amerikas nur wenig zu bedeuten vermochte.

Es nahm seinen Anfang im fernen Europa mit dem Streite um den österreichischen Erbfolgethron, doch als die Nachricht vom Kriege dann einige Zeit später im Jahre Siebzehnhundertvierundvierzig die felsigen Küsten von Massachusetts und die bewaldeten Hänge New Yorks erreichte, wusste ein jeder Siedler, dass die Stille der Wälder trügerisch geworden war. Die französischen Truppen aus dem Norden, unterstützt von ihren indianischen Bundesgenossen, stießen wie Geister aus dem Unterholze hervor. Sie brannten Außenposten wie Saratoga nieder und hinterließen nichts als rauchende Trümmer und die Schreie derer, welche in die Gefangenschaft gen Norden geschleppt wurden.

Das Herzstück dieses Krieges jedoch war kein Waldgefecht, sondern eine Tat von unglaublicher Tollkühnheit. Die Männer aus Neuengland – Bauern, Fischer und Kaufleute, welche kaum militärische Erfahrung besaßen – formierten eine Armee. Unter der Führung von William Pepperrell und unterstützet von der Königlichen Flotte segelten sie zur „Festung des Nordens": Louisbourg auf der Insel Cap-Breton.

Die Franzosen hielten Louisbourg für uneinnehmbar, ein Gibraltar aus Stein und Eisen, das den Zugang zum Sankt-Lorenz-Strom bewachte. Doch die Kolonisten, getrieben von religiösem Eifer und der schieren Notwendigkeit, die französische Bedrohung von ihren Fischgründen zu vertreiben, vollbrachten das Unmögliche. In einer mörderischen Belagerung zogen sie ihre Kanonen durch bodenlose Sümpfe und zwangen die stolze Festung im Juni 1745 in die Knie. Es war der größte militärische Erfolg, den die amerikanischen Kolonisten je errungen hatten – ein Moment, in dem sie sich erstmals nicht als Untertanen, sondern als Herren ihres eigenen Schicksals fühlten.

Doch der Krieg endete nicht mit einem heroischen Sieg, sondern mit einer bitteren Lektion über die Launen der Könige. Während an der Grenze weiterhin ein grausamer Kleinkrieg aus Hinterhalten und Skalp-Jagden tobte, trafen sich die Diplomaten im fernen Aachen. Als jedoch der Friedensvertrag von 1748 unterzeichnet wurde, trauten die Männer in Boston und New York ihren Ohren nicht. Um die von den Franzosen besetzten Gebiete in den Niederlanden und Indien (Madras) zurückzuerhalten, gab die britische Krone das mühsam eroberte Louisbourg kurzerhand an Frankreich zurück.

Der King George’s War hinterließ tiefe Narben, die niemals ganz verheilten. Die Siedler an der Grenze fühlten sich von London verraten. Ihr Blut und ihre Opfer waren auf dem Altar der europäischen Diplomatie geopfert worden. Die Franzosen nutzten die Atempause, um ihre Befestigungen im Ohio-Tal zu verstärken – jene Forts, die den jungen George Washington nur wenige Jahre später vor so gewaltige Herausforderungen stellen sollten.

Der Krieg war vorbei, doch der Zorn in den Kolonien gärte weiter. Es war ein brüchiger Friede, ein kurzes Luftholen, bevor der finale Sturm des Franzosen- und Indianerkrieges losbrach, um die Landkarte Nordamerikas endgültig neu zu zeichnen. Nur wenige Jahre später brach dann der letzte und entscheidende Krieg aus, der das Machtgefüge in den Nordamerikanischen Kolonien für immer verändern würde. Nach den vielen und empfindlichen Niederlagen, keimte in der tiefsten Dunkelheit des Winters 1757/58 jedoch ein neuer Geist auf.


In London übernahm William Pitt die Leitung der Regierungsgeschäfte. Sein Plan war kühn: Er wollte den Krieg nicht mehr nur als Grenzgeplänkel führen, sondern als totalen Kampf um den Kontinent. In den verrauchten Hallen von Westminster, weit abseits der endlosen Wälder Pennsylvanias und Virginias, erhob sich eine Stimme, die das Schicksal eines Kontinents wenden sollte. William Pitt war kein Mann der leisen Töne oder der vorsichtigen Diplomatie. Er war ein Mann von brennendem Ehrgeiz und einer fast prophetischen Weitsicht, geplagt von der Gicht, aber besessen von der Vision eines britischen Weltreichs. Als Pitt im Jahr 1757 auch das Ruder der britischen Kriegführung übernahm, fand er ein Empire vor, das in Nordamerika auf den Knien lag. Während seine Vorgänger Amerika nur als einen unbedeutenden Nebenschauplatz europäischer Kabinettskriege betrachtet hatten, begriff Pitt die fundamentale Wahrheit. Wer den Sankt-Lorenz-Strom und den Ohio kontrollierte, dem gehörte die Zukunft auf dem Kontinent und dazu die fast unerschöpflichen Ressourcen. Er war kein Feldherr, der im Sattel saß oder Truppen befahl, er war ein Stratege des Goldes, der Münze und der Schiffe. Pitt verstand, dass man einen Krieg unter den gegebenen Geografischen Voraussetzungen nicht mit Paraden gewann, sondern mit viel Geld, schierer Masse und der Mobilisierung des kolonialen Geistes. Sein Plan war ebenso simpel wie genial, er würde Preußen in Europa mit Subventionen finanzieren, damit diese die französischen Armeen banden, während er die geballte Macht der Royal Navy und der britischen Staatskasse auf die Neue Welt warf.

Für die Männer, die schon seit Jahren gegen die französische Übermacht in den Kolonien kämpften, änderte sich unter Pitt alles. Er beendete die herablassende Behandlung der kolonialen Offiziere, die bisher stets unter dem Kommando des rangniedrigsten regulären Leutnants aus London gestanden hatten. Pitt versprach den Kolonien, dass London die Kosten für ihre Milizen tragen würde – ein Versprechen, das Gold und Ausrüstung in die Grenzforts fließen ließ. Er ersetzte die alternden, unflexiblen Generäle der alten Schule durch junge, hungrige Männer wie James Wolfe und Jeffrey Amherst. Pitt war es, der begriff, dass man den Franzosen den Atem abschneiden musste, indem man ihre Häfen blockierte und ihre Festungen – Louisbourg, Québec und Fort Duquesne – möglichst gleichzeitig angriff. Unter Pitts Führung wurde aus dem langen, verzweifelten Verteidigungskampf ein unerbittlicher Vernichtungsfeldzug gegen die französische Präsenz in Übersee. Er war der Motor hinter der Forbes-Expedition, die im Winter 1757/58 Gestalt annahm. Während die britischen kolonialen Milizen in der Kälte von Fort Cumberland oder Fort Loudoun ausharrten, waren es Pitts Depeschen, die dafür sorgten, dass neue Männer und Gewehre, frisches Pulver und vor allem die Hoffnung auf einen endgültigen Sieg im Frühjahr eintrafen.

William Pitt war der ferne Donner, der den Sturm ankündigte. Er machte aus einem chaotischen Grenzkrieg einen globalen Konflikt und gab den Briten in Nordamerika das Gefühl, nicht länger die vergessenen Wächter einer verlorenen Grenze zu sein, sondern die stolze Speerspitze eines neuen, weltumspannenden Imperiums. Ohne seinen eisernen Willen wäre das Ohio-Tal wohl auf ewig Französisch geblieben und die Geschichte von Samuel und seinen Rangern in den Schatten der Alleghenies ungehört verhallt.

Die mutigen Entscheidungen von Pitt und die Wahl von General Forbes war die Geburtsstunde einer neuen Art von Kriegsführung. Während der Schnee die Braddock Road unter einer fast meterhohen Schicht begrub, begann unter dem Kommando von General John Forbes eine Vorbereitung, die so methodisch und unerbittlich war wie die Gezeiten. Forbes war nicht Braddock, das wurde jedem sehr schnell deutlich. Wo Braddock blindlings in sein Verderben geritten war, agierte Forbes – ein schwer kranker, aber geistig brillanter Schotte – wie ein vorsichtiger Schachspieler. Er nannte seine Strategie den „Vormarsch der befestigten Posten“.

Anstatt wie Braddock eine einzige, verwundbare Versorgungslinie durch die Wildnis zu ziehen, befahl Forbes den Bau einer Kette von befestigten Depots in regelmäßigen Abständen. Jedes Fort sollte als Sicherheitsnetz dienen, falls ein Vorstoß scheiterte. Die Vorbereitung war eine logistische Meisterleistung. Tausende von Pferden, Ochsenwagen und hunderte Tonnen Mehl, Pökelfleisch, Pulver und Blei wurden zusammengezogen. Forbes entschied sich gegen die alte Braddock Road und für einen neuen Weg direkt durch das Herz von Pennsylvania – die Forbes Road. Die Ankunft der neuen Ausrüstung aus Pitts Beständen – bessere Musketen, warmes Tuch und frisches Pulver – veränderte das Gesicht der Armee. Aus zerlumpten Milizionären wurden Soldaten, die spürten, dass diesmal ein Plan dahintersteckte. Washington selbst, nun erfahrener und vorsichtiger, arbeitete eng mit Forbes’ rechtem Arm, Colonel Henry Bouquet, zusammen, welcher ihm ein Wissen vermittelte, dass ihm dann zwanzig Jahre später, während der amerikanischen Revolution uneingeschränkt zustattenkam. In den beheizten Offiziersstuben von Fort Loudoun, Fort Cumberland und den neu errichteten Forts Bedford und Ligonier wurde jedoch nicht nur über Schanzwerk gestritten, sondern vor allem über Bündnisse. Den Ratsherren in Williamsburg, Philadelphia und Baltimore war die bittere Erkenntnis gedämmert, dass ein dauerhafter Friede in den Kolonien reine Illusion blieb, solange es nicht gelang, die indigenen Völker als Verbündete zu gewinnen oder sie zumindest von einer wohlwollende Neutralität zu überzeugen. Aus diesem Grund wurden ab Mitte 1758 heimlich Emissäre zu den ansässigen Stämmen im Ohio Tal und den Großen Seen entsandt, mit der Einladung zu einem Treffen. Die Irokesen, häufig verbündete der Briten, die Delawaren, die Shawnee und viele mehr sollten alle dem Ruf der Langmesser folgen und ein Ratsfeuer in Easton, im Osten Pennsylvanias errichten, welches die Stämme in der Region zumindest zu einem brüchigen Frieden bewegen konnte. Der Preis für die Briten war hoch. Den Ureinwohnern wurden große Teile im Westen von Virginia und Pennsylvania zugestanden, ebenso in New Jersey, wo den Lenni Lenape ihr Land zurückgegeben werden sollte. Land welches ihnen eigentlich sowieso gehörte, über das die Briten aber ohne Zustimmung der Irokesen Konföderation nicht verfügen konnten. Zugleich sicherten die Unterhändler Conrad Weiser und der Staatssekretär Charles Thomson den Stämmen im Ohio Country zu, dass keine britischen Siedlungen westlich der Appalachen Kamms entstehen würden. Versprechen, welche schon während sie ausgesprochen wurden, keinerlei Wert besaßen. Doch zumindest konnten die Briten den größten Teil der Stämme dazu bewegen, die aktiven Überfälle auf britische Siedlungen und Forts einzustellen und sich von den Franzosen zu lösen. Es war trotzdem nur eine Frage der Zeit, bis die nächsten Konflikte ausbrechen würden, bis die Grenze erneut brennen würde.

Unsere Geschichte beginnt Ende November 1757 in Winchester, Virginia, wo die Briten ein mächtiges Bollwerk gegen die Franzosen errichtet hatten – Fort Loudoun. Dies ist der Ausgangspunkt der Erzählung die nun folgt und auf wahren Begebenheiten beruht, auch wenn es bis heute kaum historisch verbriefte Schriften oder Aufzeichnungen darüber gibt. Diese wurden von der Ohio Company verwaltet und gelten als verschollen. Einzig die Überlieferungen aus dem Tagebuch von David Tygart können als seriöse Quelle herangezogen werden, obwohl auch diese große Lücken ausweisen. Somit blieb sehr viel Raum für die Fantasie.


Vorbereitungen

Der Morgen des 19. November 1757 kroch wie ein graues Gespenst über die Palisaden von Fort Loudoun. Ein schneidender Wind fegte von den Blue Ridge Mountains herab und trieb dichte, feuchte Nebelschwaden durch die schlammigen Gassen von Winchester. Das Holz der frisch errichteten Bastionen war vom unaufhörlichen Nieselregen schwarz angelaufen, und d

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