
Highlights aus 120 Jahren Borussia Dortmund - Personen, Momente.
Echte Liebe und schwarz-gelbe Leidenschaft: Eine faszinierende Zeitreise durch die Geschichte des BVB
by Flex Barker
Von der rebellischen Gründung in der Gaststätte 'Zum Wildschütz' bis hin zum Gänsehaut-Moment auf der Südtribüne – Borussia Dortmund ist weit mehr als nur ein Fußballverein. Es ist eine Geschichte von Widerstand, Triumph, tiefem Fall und glorreicher Auferstehung. In diesem umfassenden Geschichtswerk lässt Tobias Goldberg 120 Jahre Vereinsgeschichte lebendig werden. Begleiten Sie die Helden der 50er Jahre, erleben Sie den magischen Europapokalsieg von 1966 und spüren Sie die pure Emotion der Ära Jürgen Klopp. Doch das Buch blickt auch hinter die Kulissen der dunkelsten Stunden: die existenzbedrohende Krise im Jahr 2005 und der steinige Weg zurück an die Weltspitze. Mit einer perfekten Mischung aus fundierter historischer Analyse, bewegenden Biografien und humorvollen Anekdoten bietet dieses Buch einen tiefen Einblick in die Seele des Ruhrgebietsfußballs. Entdecken Sie, wie aus einer lokalen Gemeinschaft eine globale Marke wurde, die ihre Wurzeln nie vergessen hat. Ein Muss für jeden Fan, der verstehen will, warum die 'Gelbe Wand' das schlagende Herz des deutschen Fußballs ist.
- Historical Non-Fiction
- Biographical History
- Historical Events
- European History
Rebellion beim Wildschütz: Die Geburtsstunde 1909
Dortmund am Anfang des 20. Jahrhunderts war kein Ort für Träumer, sondern eine Stadt des Schweißes, des Rußes und der unerbittlichen Disziplin. Wer hier lebte, dessen Rhythmus wurde vom Schlagen der Eisenhämmer und dem Pfeifen der Zechenbahnen bestimmt. Die Industrialisierung hatte das Gesicht Westfalens radikal verändert. Wo einst Ackerland war, ragten nun Schlote in den grauen Himmel, und die Bevölkerung explodierte förmlich. In diesem Klima der harten körperlichen Arbeit suchten die Menschen, besonders die jungen Männer, nach einem Ausgleich, nach einem Ventil für ihren Drang nach Freiheit und Gemeinschaft. Doch Freiheit war im Jahr 1909 ein knappes Gut, das streng von den beiden großen Mächten der Zeit bewacht wurde: dem preußischen Staat und der katholischen Kirche.
Im Dortmunder Norden, rund um den Borsigplatz, lebten vor allem Arbeiterfamilien, die aus allen Teilen des Reiches und darüber hinaus zusammengeströmt waren. Das soziale Leben war eng mit der Kirche verknüpft. Die Dreifaltigkeitsgemeinde unter der Leitung von Pfarrer Laufkötter und seinem Kaplan Hubert Dewald war das moralische Zentrum des Viertels. Hier wurde nicht nur gebetet; die Kirche organisierte den Alltag, die Freizeit und das Denken der Jugendlichen. Die Jünglingssodalität, eine kirchliche Jugendorganisation, war der Ort, an dem junge Männer zu gottesfürchtigen, ordentlichen Bürgern erzogen werden sollten. Sport war in den Augen der Geistlichkeit zwar nicht grundsätzlich verboten, aber der aufkommende Fußball galt als rohes, unchristliches Treiben. Er war zu wild, zu unkontrolliert und vor allem lenkte er von den religiösen Pflichten ab.
Der Konflikt schwelt im Verborgenen
Kaplan Dewald war ein Mann von Prinzipien, und der Fußball war sein persönlicher Feind. Er sah mit wachsendem Unmut, wie die jungen Männer seiner Sodalität nach der Arbeit nicht etwa in die Andacht eilten, sondern auf staubigen Hinterhöfen oder den Brachflächen der Umgebung einem Lederball hinterherjagten. Für die Jugendlichen hingegen war das Spiel mehr als nur Zeitvertreib. Es war eine Form der Selbstbehauptung. Auf dem Platz zählte nicht der Stand oder die Frömmigkeit, sondern Geschicklichkeit, Kraft und der Zusammenhalt der Gruppe. Die Spannungen zwischen den sportbegeisterten Jugendlichen und der kirchlichen Führung nahmen stetig zu. Dewald versuchte, den Fußball durch Verbote und moralischen Druck einzudämmen. Wer beim Kicken erwischt wurde, musste mit Sanktionen rechnen. Doch Druck erzeugt bekanntlich Gegendruck.
Die jungen Männer, angeführt von dem charismatischen Franz Jacobi, hatten genug von der ständigen Bevormundung. Sie wollten spielen, wann sie wollten und wie sie wollten. Die Idee, einen eigenen, unabhängigen Verein zu gründen, war kein plötzlicher Einfall, sondern das Ergebnis monatelanger Frustration. Es war ein Akt der Rebellion gegen eine Autorität, die den Anschluss an die Lebensrealität der jungen Generation verloren hatte. Man traf sich heimlich, tuschelte in den Pausen auf der Hütte oder in den dunklen Ecken der Nordstadt. Ein Name musste her, eine Satzung und vor allem ein Ort, an dem man sicher vor den Augen des Kaplans war.
Der 19. Dezember 1909: Ein Sonntag der Entscheidung
Es war ein kalter Adventssonntag, als sich die Ereignisse zuspitzten. In der Gaststätte Zum Wildschütz, die sich in der Oesterholzstraße 60 befand, brannte Licht. In einem Nebenraum im ersten Stock versammelten sich etwa 40 junge Männer. Die Atmosphäre war angespannt, geladen mit einer Mischung aus Vorfreude und nackter Angst vor den Konsequenzen. Sie wussten, dass sie mit ihrem Vorhaben die Brücken zur Kirche und damit zu einem wesentlichen Teil ihrer sozialen Absicherung abbrechen würden. Franz Jacobi stand im Zentrum des Geschehens. Er hatte die Statuten entworfen und war fest entschlossen, den Schritt in die Unabhängigkeit zu wagen.
Doch Kaplan Dewald hatte Wind von der Sache bekommen. Er war nicht bereit, seine "Schäfchen" kampflos an den gottlosen Sport zu verlieren. Während die Versammlung oben in vollem Gange war, erschien der Geistliche vor der Tür des Wildschütz. Er wollte den Raum stürmen, die Jugendlichen zur Rede stellen und das Treffen auflösen. Es kam zu einer Szene, die heute zum Kernmythos des Vereins gehört. Heinrich Cleve, einer der Mitstreiter, stellte sich dem Kaplan mutig in den Weg. Er verweigerte dem geistlichen Würdenträger den Zutritt zum Versammlungsraum. Dieser Moment war von ungeheurer Symbolkraft: Ein einfacher Arbeiterjunge wies einen Vertreter der Kirche in seine Schranken. Es war der endgültige Bruch mit der alten Ordnung.
Trotz des Tumults vor der Tür ließen sich die Männer im Saal nicht beirren. Von den ursprünglich 40 Anwesenden blieben nach heftigen Diskussionen und unter dem Eindruck der drohenden Exkommunikation 18 junge Männer übrig, die den Mut aufbrachten, das Gründungsprotokoll zu unterschreiben. Diese 18 Pioniere waren:
- Franz Jacobi
- Robert Tassler
- Heinrich Cleve
- Hans Debest
- Paul Dziendzielle
- Franz Risse
- Fritz Schulte
- Hans Siebold
- August Tönnesmann
- Erasmus Steinacker
- Heinrich Unger
- Fritz Weber
- Franz Wendt
- Karl Bhermann
- Albert Dzikowski
- Gerhard Braun
- Hans Kahn
- Wilhelm Jordan
Blau-Weiß und Rot: Die vergessenen Farben
Wer heute an Borussia Dortmund denkt, sieht sofort das markante Schwarz und Gelb vor seinem inneren Auge. Doch in der Gründungsnacht sahen die Trikotpläne völlig anders aus. Die jungen Rebellen einigten sich zunächst auf eine Farbkombination, die heute bei keinem BVB-Fan mehr für Begeisterung sorgen würde: Das Hemd war blau-weiß gestreift, dazu trugen die Spieler eine rote Schärpe und eine schwarze Hose. Diese Farbwahl war eine bewusste Abkehr von den traditionellen Farben der Kirche oder anderer lokaler Verbände. Man wollte eigenständig sein, auch optisch.
Dass sich diese Farben nicht dauerhaft durchsetzten, ist ein Glücksfall der Vereinsgeschichte. Erst im Jahr 1913, als der Verein mit drei anderen Clubs aus dem Dortmunder Norden fusionierte (dem Rhenania, dem Britannia und dem Deutsche Flagge), wurden die heute ikonischen Farben Schwarz und Gelb übernommen. Man sagt, dass diese Farben auch als Zeichen der Verbundenheit mit der Bergbautradition gewählt wurden, doch primär war es eine Entscheidung zur Vereinheitlichung nach dem Zusammenschluss. Schwarz und Gelb wurden zum Symbol für eine neue Ära, während das Blau-Weiße der Gründungsjahre fast vollständig aus der kollektiven Erinnerung verschwand.
Der steinige Weg zur Anerkennung
Die Gründung des Vereins war nur der erste Schritt. Die 18 Männer standen nun vor riesigen Herausforderungen. Sie hatten keinen Spielplatz, kein Geld und die Kirche im Nacken. Kaplan Dewald gab so schnell nicht auf. In seinen Predigten wetterte er gegen die Abtrünnigen und versuchte, die Eltern der Jugendlichen gegen den Verein aufzubringen. Der BVB wurde als Ort der Sünde und der moralischen Verwahrlosung dargestellt. Es war ein Kleinkrieg, der in den engen Gassen der Nordstadt ausgetragen wurde.
Trotz dieser Widerstände wuchs die Begeisterung. Die Nachricht von dem mutigen Schritt im Wildschütz verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den Arbeitern. Fußball war der Sport des Proletariats, und der BVB wurde schnell zu "ihrem" Verein. Im Jahr 1910 gelang ein wichtiger administrativer Erfolg: Die Aufnahme in den Westdeutschen Spielverband. Damit war der Verein offiziell im organisierten Fußball angekommen und durfte an geregelten Meisterschaftsspielen teilnehmen. Das erste offizielle Spiel fand auf einem Platz statt, der passenderweise Weiße Wiese genannt wurde – ein Gelände, das eigentlich für die Entstaubung von Industriemaschinen genutzt wurde, aber für die jungen Borussen das Paradies bedeutete.
Das Erbe der Rebellion
Was am 19. Dezember 1909 im Wildschütz geschah, war weit mehr als die Gründung eines Sportvereins. Es war die Geburtsstunde einer Identität, die bis heute den Kern von Borussia Dortmund ausmacht. Diese Identität basiert auf dem Prinzip der Eigenständigkeit und dem Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Während viele andere Vereine jener Zeit aus bestehenden Turngemeinden oder bürgerlichen Zirkeln hervorgingen, entstand der BVB aus dem Widerstand der Basis gegen die Obrigkeit.
Diese Wurzeln erklären, warum die Verbindung zwischen dem Verein und seinen Anhängern so außergewöhnlich tief ist. Die "Gelbe Wand", die heute weltweit als Inbegriff von Leidenschaft und Loyalität gilt, ist die direkte Nachfahrin jener 18 Männer, die sich gegen die Bevormundung durch die Kirche wehrten. Es ist ein Verein von unten, gewachsen aus dem harten Asphalt der Industriestadt, getragen von Menschen, die im Fußball ein Stück Freiheit und Würde fanden.
Der Wildschütz selbst ist heute längst keine einfache Gaststätte mehr. Er ist ein Ort der Verehrung. Fans aus aller Welt pilgern zur Oesterholzstraße, um den Ort zu sehen, an dem alles begann. An der Fassade erinnert eine Gedenktafel an die historische Nacht von 1909. Wenn bei Heimspielen im Westfalenstadion das Lied "Leuchten zu Hause die Lichter" erklingt oder die Gründungsgeschichte auf den Videoleinwänden erzählt wird, dann ist das kein bloßes Marketing. Es ist die Rückbesinnung auf ein Versprechen: Dass dieser Verein immer seinen eigenen Weg gehen wird, egal wie groß der Druck von außen sein mag.
Die Lehre aus der Gründungsgeschichte ist zeitlos. Sie zeigt, dass wahre Leidenschaft sich nicht unterdrücken lässt. Institutionen, ob Kirche oder Staat, die versuchen, den Tatendrang und die Begeisterung junger Menschen in starre Formen zu pressen, werden am Ende scheitern. Der BVB ist das lebende Beispiel dafür, dass aus einem kleinen Funken Rebellion ein Feuer entstehen kann, das Generationen überdauert. Die 18 Männer vom Wildschütz hätten sich wohl nie träumen lassen, dass ihr mutiger Schritt dazu führen würde, dass über hundert Jahre später Millionen Menschen auf allen Kontinenten ihre Farben tragen würden. Doch genau dieser Geist des Widerstands und der Unabhängigkeit ist es, der den Ballspielverein Borussia 09 bis heute so besonders macht.
Mit dem Eintritt in den Westdeutschen Spielverband und der Etablierung auf der Weißen Wiese endete das erste Kapitel der Vereinsgeschichte. Die Rebellion war geglückt, der Grundstein gelegt. Doch die kommenden Jahre sollten den jungen Verein auf noch härtere Proben stellen. Wirtschaftskrisen, der Erste Weltkrieg und die Suche nach einer dauerhaften sportlichen Heimat würden zeigen, wie stabil das Fundament war, das in jener kalten Dezembernacht im Wildschütz gegossen wurde. Der Mythos Borussia war geboren, und er war bereit, die Welt zu erobern.
Weiße Weste und Asche: Die Ära der Weißen Wiese
Die Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs waren für die Menschen im Ruhrgebiet eine Zeit der extremen Gegensätze. Während die politische Landkarte Europas neu gezeichnet wurde, kämpften die Arbeiter in Dortmund mit den ganz realen Folgen von Hunger, Arbeitslosigkeit und einer galoppierenden Inflation. Die Weimarer Republik war ein fragiles Gebi…
